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Südkurier, 03.04.2017
03 Apr 2017

"Via crucis": Ergreifende Passionsmusik im Überlinger Münster

Ein großartiges Konzert gab der Münster- und Kammerchor sowie Solisten im stimmungsvoll illuminierten Überlinger Münster. Die Leitung hatte Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau. | Bilder: Bernhard Conrads

Beim Passionskonzert am Samstag, 1. April, um 19 Uhr im Überlinger Münster bleibt das Münster fast dunkel. Einzig flackerndes Kerzenlicht und farbig angestrahlte Säulen beleuchten den großen Kirchenraum. Einzelne Töne, die sich zu Akkorden finden, ziehen durch den Raum, wie aus dem Nichts ertönt eine Altstimme mit einem alten Kirchenlied.

Kerzenlicht im Mittelgang des sonst dunklen Kirchenraums standen im Kontrast zu zwei blutrot angestrahlten Säulen bei zunehmend verblassendem Tageslicht. Auf einer Leinwand, am eisernen Lettner befestigt, war über dem Chor eine stimmungsvolle Gegenlichtfotografie des Heilands am Kreuz sowie während der Aufführung von Liszts "Via crucis" gemalte Darstellungen der 14 Kreuzwegstationen des Künstlers und erst spät berufenen Priesters Sieger Köder zu sehen. Auf geniale Weise verstärkt wurde die Konzertstimmung zudem durch akustische Raumeffekte: Jäger-Waldau ließ "Via crucis" alternierend von Christian Barthen an der großen Nikolausorgel und von Jiyoung Kim-Barthen an der Marienorgel begleiten. Und zu Franz Leinhäusers völlig unbekannten, aber großartigen Chorsatz "Bei stiller Nacht" zog das singende Vokalensemble am Überlinger Münster von hinten nach vorn langsam schreitend durch den Mittelgang.

Im häufigen Wechsel positionierten sich ferner Chor und Ensemble neu – Jäger-Waldau wusste den Kirchenraum, abseits der klassischen Choraufstellung im Altarraum, wirkungsvoll zu nutzen. Im Zentrum des bemerkenswerten Konzerts stand Liszts "Via Crucis". Es ist erstaunlicherweise die einzige Kreuzwegsvertonung, die es gibt – und das, obwohl in fast allen katholischen Kirchen bildliche Darstellungen der Prozession durch die Via Dolorosa gibt und Kreuzwegsandachten fester Bestandteil katholischer Liturgie ist.

Für die Entstehungszeit in der Spätromantik erschien die Komposition geradezu asketisch. Liszt mischte mit sparsamen Mitteln und wenigen Noten alte Stile wie gregorianischen und protestantischen Choral. Bei einigen Stationen des Kreuzwegs verzichtete Liszt völlig auf Text und lässt nur die Orgel ertönen, von Christian Barthen klangfarbenfreudig an der Nikolausorgel registriert. Der Münster- und Kammerchor meisterte expressive Choreinwürfe wie "Jesus Cadit" (Jesus fällt) und "Crucifige" ebenso wie butterweiche Artikulation beim Choral "O Haupt voll Blut und Wunden", den Liszt ganz im Stil von Johann Sebastian Bach schrieb. Liszt stellte zu diesem Choral bewusst einen direkten Bezug zu Bach her, indem er im Orgelvorspiel kurz das "B-A-C-H"-Thema aufblitzen lässt.

Ein Genuss waren die terzenseligen Frauenchorpassagen des Vokalensembles. Wie auch bei der Chorimprovisation am Anfang des Konzerts überzeugte Altistin Magdalena Stoll in den Solopassagen dieser Komposition. Hermann Lochers gestaltete mit seiner raumfüllenden Stimme auf beeindruckend-expressive Weise die vertonten Worte von Pilatus und Jesus: große Klasse. Eine interessante Überraschung war die Stabat-Mater-Vertonung des Niederländers Alphons Diepenbrock, vom Münster- und Kammerchor hervorragend gesungen, mit eigenem Kompositionsstil, der sich in keine Stilklassifizierung einsortieren lässt. Mit Dynamik expressiv und mitreißend erklang zum Schluss Albert Beckers "Das Lamm, das erwürget ist". Nach Glockengeläut großer Applaus.

Bernhard Conrads

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