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Südkurier 30.06.2015
28 Jun 2015

Überlinger Münster- und Kammerchor singt Barockmusik

Der Überlinger Münster- und Kammerchor bewegt mit Barockmusik aus Italien, England und Deutschland.
Überlinger Münster- und Kammerchor singt Barockmusik Bilder: Lauterwasser

Antonio Vivaldis erstes Gloria setzt Maßstäbe: Nach der leicht und lebhaft musizierten Einleitung des Orchesters schmettern die Sänger ihr „Gloria“ mit Harmonie und vollem Klang ins Münster, um sich gleich zurückzunehmen. Sie singen ihr eigenes Echo, dann steigern sie sich in immer neuen Anläufen, bis der Chor einen erhabenen Lobgesang über das Orchester legt.
Für „Et in tera pax“ lassen sie sich viel Zeit. Das Orchester bezeugt dringend den Wunsch nach Frieden, die Männerstimmen geben ihm Worte. Aus der Tiefe steigt diese Sehnsucht auf, bis die Soprane übernehmen und sie immer höher tragen. Dann wieder klingt sie kurz vor dem Erlöschen. Schmerzlich verharrt der Chor im piano, aber das Orchester treibt weiter, bis die Sänger sich zu einer großen Schlussbitte steigern.
Münsterkantorin Melanie Jäger-Waldau hat ihre Musiker stets im Blick. Sie dirigiert mit Taktstock, mehr aber scheinen ihre Augen zu leiten. Die sind überall, nehmen das Orchester so wahr wie den Chor, halten Stimmen und geben Einsätze. Die zierliche Person steht im Brennpunkt der Musik: Schwenkt sie leise die Linke, flaut der Ton ab oder braust auf.
Mit ihrem Chor hat sie ein gut ausgebildetes Instrument zur Verfügung: samtige Bässe tragen geschmeidige Tenöre, ein warmer Alt gründet den makellos schwebenden Sopran. Die Sänger blicken mehr auf sie als in ihre Noten und singen tonrein, präzise und verständlich. Das Barockorchester L'arpa festante schmiegt sich nahtlos an. Und dass sie mit den Solisten eine glückliche Hand hat, zeigt das folgende Damen-Duett. Sopranistin Monika Mauchs sanft verschleierte Sopranstimme bleibt in höchsten Tönen weich und biegsam. Auch in innigsten Momenten hebt sie sich mühelos über das Orchester. Voll, warm, mit Ausdruck und Eleganz singt Altistin Britta Schwarz. Im „Laudamus“ gibt sie dem zweiten Sopran mit tiefem Timbre eine bewegende Intensität. Ergreifend gelingt das „Domine Deus, agnus Dei“: Nur von einem Cello und einem flötenden Orgelpositiv untermalt klagt Schwarz um das Lamm Gottes, fahl wirft der Chor „qui tollis peccata“ ein und fleht schließlich mit Nachdruck „miserere nobis“. Über eine festliche Alt-Arie geht das Stück in ungebremsten Jubel über. Immer wieder spannen die Soprane leuchtende Bögen, die Schlussfuge erzählt von freudiger Gewissheit.


Männersoli gibt es im Gloria nicht: Vivaldi schrieb es für Mädchen in einem Waisenhaus, die er erst als Priester, dann als Violinlehrer und musikalischer Direktor unterrichtete. Das wird jetzt anders: Mit Georg Friedrich Händel folgt die britische Variante des Barock. Er schrieb sein Anthem 1718 als Hauskomponist des Earls of Carnarvon. Die Soprane intonieren „O praise the Lord“, „with one consent“ fallen die anderen Stimmen ein, dann verteilt sich das Thema im Chor.
Geschliffen und mit viel Gefühl tritt Tenor Hans Jörg Mammel gleich mit zwei Arien auf: Beweglich setzt er punktgenau Akzente und singt sich in einem Atemzug vom Pianissimo ins straffe Forte. „That God is great“ antwortet freudig der Bass, den Hanno Müller-Brachmann mit Volumen und kerniger Note ausstattet. Im triumphierenden Schlusschor bauen sich die Stimmen übereinander, bis das Halleluja um- und ineinander wogt.
Ob Carl Philipp Emanuel Bach, Sohn Johann Sebastians, mit dem Magnificat die Nachfolge als Thomaskantor anstrebte, ist nicht sicher. Jedenfalls verschlug es ihn von Berlin nach Hamburg. Dort wurde er zum Hauptvertreter der musikalischen Empfindsamkeit, die mit ihren starken Kontraste und oft zerrissen wirkenden Melodien zwischen Barock und Wiener Klassik steht.
Sein Magnificat markiert die Schwelle: Es beginnt in barocker Lebensfreude: Virtuos tupfen die Musiker die ersten Takte, mit viel Temperament fällt der Chor in den Lobgesang der Maria ein. Doch schon in der Sopran-Arie wird der Ton düster. Sanft und schwermütig, nur von glitzernden Trillern erhellt, besingt Monika Mauch die Niedrigkeit der Magd. Der munteren Tenor-Arie folgt ein elegisches „Et misericordia“. Dramatisch gestaltet Hanno Müller-Brachmann „Fecit Potentia“ zwischen Auffahren und Flüstern, von Pauken und Trompeten angespornt. Alt und Tenor jagen sich im Duett durch immer höhere und größere Bögen. Von Flöten eingeleitet, singt Britta Schwarz zum Weinen schön ihre tieftraurige Arie. Wie eine Befreiung nimmt das „Gloria“ den Beginn des „Magnificat“ wieder auf. So erleichtert und volltönend ist dieses „Gloria“, dass das ganze Münster mitschwingt. Mit der Schlussfuge verbeugt sich der Sohn vor dem Vater und verankert sein Werk gerade noch im Barock.
Melanie Jäger-Waldau wartet nicht nur den Nachhall ab, sondern auch die Kirchenglocken, ehe sie die Hände senkt und Applaus zulässt. Endlich darf sich das Publikum mit Bravo-Rufen und Standing Ovations bedanken.
Corinna Raupach

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